Ernüchternd

Als ich vor rund drei Jahren zu twittern anfing, war ich angezogen von der respektlosen Ruchlosigkeit vieler Twitterer. Das gefiel mir. Jene, denen ich folgte, waren freizügige, nicht hinter der Hand haltende, mit sich und ihren Attributen spielende Zeitgenossen. Kurzum: Früher war mehr Sex.

Mir wurden Dreier angeboten von Twitterpärchen, man zeigte viel Haut und gerne auch mal die Umrisse seiner sekundären Geschlechtsteile, die Tweets waren selten zurückhaltend und bereits am Vormittag war #NTL.

Meine persönliche Timeline hat sich nicht wesentlich geändert seit der Zeit. Umso mehr wundert es mich, warum es so langweilig geworden ist. Es geht um Essen, Joggen und Fitness-Apps – dazwischen Weltschmerz-Emo-Tweets. Entgegen aller Behauptungen, die früher kursierten, Twitterer seien alle ausgehungert und hätten seit Jahren schon keinen Sex mehr, muss ich nun konsterniert feststellen: Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Alle gesättigt.

Nicht mal mehr anständige fotografierte nackte Körper gibt es morgens früh als Wettervorhersage, seit Dr.Waumiau das Wetter nicht mehr aus Brüsten orakelt. Meine Timeline hat sich zu einer politisch korrekten, entsexualisierten Zone entwickelt.

Ist aus der untervögelten Selbsthilfegruppe nun die Selbsthilfegruppe Frustfressen und Frustsport geworden?

Wo sind die zweideutigen Tweets, die die Stimmung hinter einem Menschen erkennen lassen? Dass er gerade in Lust verbrennt, aber keine andere Möglichkeit findet, als mit seiner Sprache ironisch durchblicken zu lassen, was in ihm vorgeht? Wo ist die Authentizität hin? Wo sind diejenigen hin, denen man das glaubte, was sie von sich gaben?

Natürlich – man könnte seine Timeline verändern, seinen Gelüsten anpassen, aber Amateuruschis ständig auf die schlecht ausgeleuchtete, beschissen rasierte Fotze zu blicken, die der ewig notgeile Ehemann fotografiert, ständig auf Fotos von Penissen  zu glotzen, die eher an in zu heißem Wasser geplatzten Würsten erinnern als an das, woran man inzwischen durch Dildos gewöhnt ist und deren Timeline sich auf wenige erkennbare Worte beschränkt und eher an Grunzlaute als an geschriebene Sprache erinnert – nein, danke.

Oder diese ganzen kleinen Mäuschen, die sich in einem Berg von Kuscheltieren fotografieren, einen billigen Sextweets nach dem anderen raushauen und sich dann über Pimmelbildchen in ihrem DM-Fach aufregen. Die über Dinge schreiben, wo ich oft denke: „Quatsch doch nicht von Dingen, die Dir nur schwachsinnige, von Testosteron überschäumende* Männer abnehmen“.

Es muss wieder ein Rock durch Twitter-Deutschland gehen. Kurz und wippend. Findet mal Eure Lust wieder, ihr morschen Knochen. Ich kann nicht als einzige die Fahne der Freizügigkeit hochhalten.

*Mnihihi. Schäumend.

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20 Gedanken zu “Ernüchternd

  1. Du gibst die Antwort gleich selbst im drittletzten Absatz. Menschen entwickeln sich weiter und aus lustigen Singles werden gesättigte Pärchen, das ist nun mal so. Was du suchst gibt es weiterhin auf Twitter, einfach die Augen offen halten 😉.
    Danke übrigens, dass du immerhin weiterhin offenherzig twittert 👍

  2. Du hast vollkommen recht. Heute ist nur noch Porno. Selten Sex, so gut wie nie Erotik (im Wortsinne. Nicht das was die Pornoindustrie darunter versteht). Es ist tatsächlich ein Trauerspiel.

    Es scheint so, als wären alle Social-Media-Netzwerke dazu verdammt, denselben Weg zu gehen: Erst rebellisch, aufregend und unangepasst, dann mainstream und politisch korrekt, um letztendlich in der Kommerzialisierung unterzugehen.

    Auch die Digital-Natives sind keine besseren Menschen. Wenn sie erwachsen werden, machen sie die gleiche Sch..ße durch wie wir Vor-Digitalen seinerzeit. Leider packen es nur wenige, ihre freie und verrückte Seele zu behalten.

    Ich grüße hiermit alle, egal aus welcher Generation, die den alten Spruch in Ehren halten:

    „Make love, not war“.

    Nie war es so wichtig wie heute, danach zu leben.

  3. Also ich persönlich habe gerade 15 Tonnen Dreck vor der Türe liegen, da hab ich eh keine Zeit für Titten, Thesen, Temperamente – aber kleinere justagen ab und an in der TL sind vielleicht doch angezeigt. Muss sich ja nicht jeder in die gleiche Richtung entwickeln.

  4. Urs Sprünglu schreibt:

    Ich kann Ihnen sagen, was los ist: die Freikörper – äh – Freigeister sind nach tumblr weitergezogen. Dort haben sie uns fast ihre unrasierte Fotze gezeigt. Aber vor ein paar Wochen haben sie die Lust daran verloren und sind erneut weitergezogen. Wohin fragen Sie? Tja. Wenn ich das wüsste.

  5. Snakebyte schreibt:

    Es hat sich nicht grundsätzlich etwas geändert, sondern einzelne User haben sich geändert, sind, um deine Worte zu nutzen, gereift, gesättigt, evtl. in ihrem persönlichen Leben einfach an andere Punkte gelangt, haben ihren Partner gefunden, ihre Lustbefriedigung geändert.

    „Das ist nicht die Sonne die untergeht, sondern die Erde die sich dreht“ (Thees) Evtl. hat sich die Welt der anderen anders weitergedreht als deine eigene? Während du die gleichen Dinge weiterhin suchst, suchen die dir bekannten inzwischen andere Dinge?

  6. Urs Sprüngli schreibt:

    Ich hielt meinen Kommentar für überaus geistreich (apropos geistreich: wussten Sie, dass es von geistreich zum Geniestreich nur zwei Buchstaben sind?). Und jetzt veröffentlichen Sie ihn nicht. Und jetzt weiß ich auch nicht.

  7. Urs Sprüngli schreibt:

    Achherrjeh! Mir scheint, ich hatte eine technische Unzulänglichkeit, vermutlich gar meines Endgeräts, für impertinente Zensur gehalten. Asche auf mein Haupt!

    Zum Geistreichen:
    Liebe Cosmo Politin, ich vermute, die erotischen Ex-Twitterer haben zwischenzeitlich entdeckt, dass man auf tumblr gänzlich unbehelligt von Prüderie seine Bilder veröffentlicht. Angestachelt von der Freiheit des Ausdrucks haben sie Bilder veröffentlicht, die den zahlreichen Fans immer mehr Lust auf immer mehr machten. Bis schließlich Brust und länger nicht rasierte Fotze zu bestaunen waren. Dann haben diese Menschen aber die Lust an tindr verloren und sind anderswohin weitergezogen. Am Ende haben sie womöglich ihre tumblr-Profile gelöscht. Und falls diese Menschen auf tumblr Unterstützer hatten, Verehrer gar, die nie die Bilder runterluden, weil sowas ja wohl nur Stalker tun, dann stehen die jetzt dumm da. Ohne Bild.

    Ob es wohl so war? Und ob Sie wohl wüssten, wie die Enttäuschten nachträglich wieder in den Genuss der Fotografien kommen könnten?

      • Urs Sprüngli schreibt:

        Tja. Die Bilder sind ja weg. Da kann man jetzt schwer drüber diskutieren. Besonders schade ist es aber um das Bild mit dem entblößten Nippel. Das hat Ihr WG-Fotograf gut hingekriegt.

        Das „länger nicht rasiert“ war keine Beschwerde, sondern eine Replik auf Ihr „schlecht rasiert“. Und ich meinte, in einem prominenten tumblr-Account Fotzenfussel entdeckt zu haben.

        Alles weg. Weitergezogen nach Instagram, das einem verklemmten Milliardärsjüngelchen aus dem Land of the Brave gehört. Bilder, die einen Schritt über die Grenze gehen und damit im Wortsinn aufregend sind, braucht man da nicht zu erwarten. Obwohl: Vielleicht macht es ja umso mehr Spaß, da Buttplug-Bilder zu posten und den Beweis der Glattheit (apropos: Zucker ist das große Ding! Viel besser als Wachs) , und damit die Zuckerbergschen Zensurschergen aufzuregen.

  8. Urs Sprüngli schreibt:

    Tumblr, Instagram und jetzt auch noch Twitter – alle Accounts gelöscht. Ich mache mir Sorgen. Können Sie einfach kurz durchgeben, dass es Ihnen gut geht, damit die Sorgen weggehen? Mehr will ich gar nicht wissen.

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